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Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace: Zieht den Chinesen die Lederhosen aus! - Belletristik - Feuilleton - FAZ.NET
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Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace

Zieht den Chinesen die Lederhosen aus!

Das alte Deutschland ist ein Schwellenland; ganz Peking ein olympisches Dorf: Jörg-Uwe Albig erzählt in seinem neuen Roman „Berlin Palace“ von unserer allernächsten Zukunft, in welcher der ferne Osten längst das Maß aller Dinge ist.

Von Richard Kämmerlings

Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace

05. März 2010 

Von deutscher Kultur ist nicht viel geblieben. „,Pfefferkuchenhaus‘, sagte ich lauernd. ,was fällt dir zu Pfefferkuchenhaus ein?‘“ Eine erstrangige Pekinger Agentur arbeitet im Jahr 2032 an einem Spot für „Wald“, das neue Parfüm des Weltkonzerns Datong Chemicals. Der Werbefilmer Ai „Eisenstein“ Li zerbricht sich den Kopf über geeignete Motive und lässt sich schließlich von einem alten Kinderbuch inspirieren: „,Pfefferkuchen. Ein deutscher Keks. Ein deutsches Märchen‘, legte ich nach. ,Zwei Kinder im Wald.‘“

Ai Li muss bei seinen Chefs und Auftraggebern einige Überzeugungsarbeit leisten. Denn die Deutschen gehören in der nahen Zukunft des neuen Romans von Jörg-Uwe Albig wie auch alle übrigen „Westvölker“ zu den verarmten, vergreisten und ausgelaugten Zivilisationen, deren Angehörige in den blühenden Ländern Asiens um ein paar Reiskörner vom üppig gedeckten Tisch Schlange stehen. Deutsche, Skandinavier und Niederländer drängeln sich an Pekinger Straßenkreuzungen, um für ein paar Yuan Windschutzscheiben zu putzen, verkaufen stammelnd Rosen in den edlen Szene-Bars und hausen am Stadtrand in einem gammligen Migranten-Getto, in das sich kein Einheimischer traut. Die einst so selbstgewissen Westler kommen nun selbst aus Schwellenländern, „wo sie Treppensteigen üben konnten; doch die Schwellen führten abwärts, nicht aufwärts“.

Die wilden, alten Germanen

Warum also ausgerechnet die finstere Heimat dieser seltsam riechenden Barbaren als Kulisse für ein duftendes Luxus-Produkt nehmen? In Deutschland, so erklärt der Regisseur seinen Skeptikern, „hatten sie Häuser aus Gebäck, bevor wir das Land mit unseren Östliche-Morgendämmerung-Schnellrestaurants überzogen haben. Alles war alt und wild.“ Ai konsultiert eine Expertin, die aus der „Germania“ von Tacitus zitiert, und erinnert sich an Geschichten von „Männern, die der Kultur trotzten, Laub um die Lenden“. Die Deutschen taugen den reichen, saturierten, der Natur entfremdeten Hightech-Chinesen als Inbegriff des Anderen, einer mit dem Wohlstand verlorengegangenen Ursprünglichkeit, als man Neugeborene in Eiswasser badete, rohes Wildschwein fraß und sich mit Met ins Walhalla trank. Also „Wald“, das Original sozusagen.

Jörg-Uwe Albig, Jahrgang 1960, ist ein Experte für die Konstruktion verkehrter Welten. Das Vorgängerbuch „Land voller Liebe“ (2006) war wohl der originellste Beitrag zum Wettbewerb um den großen deutschen Wenderoman, indem er den Spieß umdrehte: Ein Unternehmensberater wird zum Held des Rückzugs von 1989, als nicht die DDR, sondern die von Arbeitslosigkeit und geistiger Stagnation zermürbte Bundesrepublik in Massendemonstrationen und Streiks unterging. Erzählerisch ging das überraschend glatt auf, da Albig die Phrasen einer latent totalitären Consulting-Sphäre mit den Sprechblasen der DDR-Reformer überblendete. Selbst mit menschlichem Antlitz hatte der Kapitalismus nie eine Chance.

Der neue Große Sprung

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Den simplen Kniff, der „Land voller Liebe“ so mitreißend und auch komisch machte, wiederholt Albig nun mit der Vertauschung von Ost und West, zusätzlich plausibilisiert durch eine sanfte Science-Fiction-Variante. Die Olympischen Spiele 2008 sind hier tatsächlich der Auslöser eines neuen „Großen Sprungs“ gewesen, der aber, anders als vom Westen erhofft, nicht zu einer Demokratisierung, sondern nur zu einer noch rasanteren technologischen, ökonomischen und auch ökologischen Entwicklung führte.

Albig gelingt es virtuos, den Leser per Verfremdungseffekt zu überrumpeln und ihn an der Seite eines vom Konsum-Komfort wie betäubten Ich-Erzählers durch ein blitzsauberes Wunderland von Glas, Licht und Eco-Tech taumeln zu lassen. „Ich fuhr mit Meister Zhao durch die Straßen; es waren begradigte Flüsse, gesäumt von Barcode-Fassaden, von Palmen aus Vietnam.“ Vor dem Fenster sieht Ai „Aluminiumpilze aufragen, das Blütendach der Ewig Leuchtenden Bank, die Windfarm auf dem Trapezdach der Hundert-Chrysanthemen-Versicherung. Ich sah den Konzernturm von Maß-und-Mitte-Elektronik. Ich sah, wie sich alles ineinander spiegelte, wellige Schlieren bildete, Oberflächen von Achaten, sah das Diamantfunkeln der Solardächer.“ Albigs Beschreibungskunst bekommt mitunter selbst etwas Meditatives, wie die Tuschzeichnungen, die der zur profanen Werbung übergelaufene Künstler Ai Li in seiner Freizeit malt.

Verirrt im Wald

Hinter dieser Intensität des Atmosphärischen droht die Handlung in den Hindergrund zu treten. Wie der Regisseur weniger Interesse an Grimms Märchen hat als an der bloßen Stimmung des düsteren deutschen Waldes, so scheint auch Albig das famose futuristische Panorama wichtiger zu sein als der Plot, den eine etwas wackelig konstruierte Lovestory tragen muss: Ai Li benutzt das „Wald“-Projekt vor allem dazu, um der Schauspielerin Olympia näher zu kommen, die sich ihm aber stets zu entziehen versteht. Von Eifersucht getrieben, wird dem benebelten und dementsprechend unzuverlässigen Ich-Erzähler das Filmvorhaben zur Obsession. Wobei unklar bleibt, warum der Regisseur sich der Angebeten nicht einfach offenbart. So kommt es zu Dialogen wie dem folgenden: „,Wollen wir nicht heiraten?‘, fragte ich. Es klang eine Spur zu aufgekratzt. ,Mich will doch keiner‘, sagte Olympia, und ich forschte in ihrem Gesicht.“

Jedenfalls sieht Ai Li bald den Wald vor lauter deutschen Eichen nicht mehr. In der offen ausbrechenden Midlife-Crisis erscheint ihm das Germanisch-Wüste als Utopie einer anderen, authentischen Existenz. Grölend versackt er mit seinen Kollegen in der hippen „Bongo-Bongo-Bar“, wo der abgehalfterte deutscher Gangsta-Rapper Sigi das Szene-Publikum mit Volksliedern in seinen Bann schlägt: „Guten Tag, erste Lied über Liebe in mein Lande. In mein Lande erste Hütte, dann zweite Hütte, dann dritte Hütte. Dann Blume, heißt Enzian. So ist Liebe in mein Lande.“

Umgekehrter Exotismus

Nach „Pauke geht bis morgen früh“ und ähnlichen Hits ist es um den Erzähler geschehen: „Und jetzt konnte auch ich mich nicht mehr halten, verlor auch ich mich in der brutalen Kraft dieser Musik, in ihrer Wucht, schloss mich an die mächtigen Wurzeln an, die sie mit der Erde verband, die unser aller Erde war. Mein thailändischer Cabernet kam mir jetzt überzüchtet vor und fade; jetzt bestellte auch ich ein meat.“ Ausgerechnet die so undurchsichtige Olympia sieht hier klar: „Bumsmusik.“

Albig fährt die schwersten Geschütze eines umgekehrten Exotismus auf (der ja stets nur eine andere Form des Rassismus ist), um die komischen und auch albernen Effekte der Konstellation voll auszureizen. Natürlich zielt er damit zugleich auf unsere eigenen Fremdbilder, auf eine westliche Faszination für ferne, gern auch fernöstliche Kulturen, die Ausdruck von Weltekel und Zivilisationsmüdigkeit ist. Auch die eigentlich ganz bodenständige Olympia ist nur die Projektionsfläche für die Phantasien Ai Lis. Einst war sie nach den Sommerspielen 2008 benannt worden, doch spielt ihr Name auf den „Sandmann“ E. T. A. Hoffmanns an: Auch diese Olympia ist ein Kunstgeschöpf.

Luftschloss aus Pfefferkuchen

Wesentlich geht es Albig wie dem Romantiker um optische Täuschungen und die fatale Macht der Einbildungskraft – im Interkulturellen wie im Zwischenmenschlichen. Der titelgebende „Berlin Palace“, eine triste deutsche Kneipe in der Pekinger Vorstadtödnis, wird zur ersten Station seiner Desillusionierung. Ai Li, von seiner verzweifelten Suche hergetrieben, lernt hier Deutsche kennen, die seinen absurden Klischees gar nicht entsprechen, die einfach arme Menschen in einem fremden Land sind und ihre Einsamkeit mit Kräuterlikör herunterspülen. Dass der Wirt des „Berlin Palace“ ausgerechnet Jogi heißen muss und nur über Fußball reden will, ist dann wieder etwas zu viel des Blödelns.

Ai Lis märchenhaftes Filmprojekt stockt, als das aus Industriebiskuits errichtete Pfefferkuchenhaus einem Gewitter zum Opfer fällt. Die Zwangspause nutzt er, um die schon verlorengeglaubte Olympia auf eine Wanderung ins Nirgendwo mitzunehmen und so sein Script endlich in die Realität zu überführen: Hänsel und Gretel verirren sich im chinesischen Kiefernwald. Die bis dahin zwischen Xenophobie-Satire und Zukunftspanorama schwankende (und so etwas auf der Stelle tretende) Story bekommt mit der existentiell bedrohlichen Lage auf einmal Tempo und Spannung. Die Auflösung ist dann aber ebenso überraschend wie zufällig.

Deutsche im Zerrspiegel

„Berlin Palace“ ist ein leichtes, witziges Buch mit einem sehr ernsten Kern. Auch ist China hier mehr als nur beliebige Kulisse. Wenn wie nebenbei ein „Falun-Gong-Witz“ erzählt wird oder ständig Mao-Verse als Lebensweisheiten dienen („Ein großer Poet, aber ein miserabler Staatsmann.“), dann hält der Roman geschickt die Äquidistanz zwischen der Verteufelung und der Verharmlosung des sinokapitalistischen „Harmonie“-Modells.

Albig lässt dekadente Chinesen Lederhosen anziehen und stellt uns Deutsche vor einen Zerrspiegel, in dem wir uns zu Wirtschaftsflüchtlingen und Folkloreclowns erniedrigt sehen. Seine Romane sind eine Schule des Hinsehens, durch den alten didaktischen Trick des mundus perversus stoßen sie den Leser über Bande auf die unverstellte Wirklichkeit. Früher hätte man gesagt, Albig ist ein „kritischer“ Autor. Weil er dabei so klug und unterhaltsam ist, lassen wir uns gern belehren.

Jörg-Uwe Albig: „Berlin Palace“. Roman. Tropen Verlag, Stuttgart 2010. 224 S., geb., 19,90 €.



Buchtitel: Berlin Palace
Buchautor: Albig, Jörg-Uwe

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag

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