"Wilhelmsburger Deichbruch" Die wechselvolle Geschichte eines legendären Likörs
Halbbitter und unverwüstlich
Vor einem Deichbruch fürchten sich fast alle Wilhelmsburger. Einen "Wilhelmsburger Deichbruch" hingegen lieben die Insulaner, denn bei diesem droht...
Von André Lenthe
Wilhelmsburg. Vor einem Deichbruch fürchten sich fast alle Wilhelmsburger. Einen "Wilhelmsburger Deichbruch" hingegen lieben die Insulaner, denn bei diesem droht keine Überschwemmung, sondern eine feuchte Kehle. Der "Wilhelmsburger Deichbruch" ist ein vierzigprozentiger Halbbitter-Likör, der vor genau hundert Jahren das erste Mal zwischen Norder- und Süderelbe abgefüllt wurde.
"Er gilt unter Kennern als sehr bekömmlich und soll nach einem guten Essen eine ausgezeichnete Wirkung auf Magen und Verdauung haben", erklärt Jutta Hennenberger, geborene von Drateln: "Er ist aber nicht zuletzt wegen des schönen Etiketts mit dem Wilhelmsburger Deichdenkmal auch als Geschenk sehr beliebt." Ihr Großvater Nicolaus von Drateln ("der Dritte") hatte 1910 zunächst in Neuhof eine Wein- und Spirituosenhandlung eröffnet und dort den Kräuterlikör nach eigener Rezeptur aus 26 Kräutern, Pflanzen und Wurzeln hergestellt. Später verlagerten sich Produktion und Ladengeschäft in den neuen Stammsitz der Firma Nic. von Drateln in die Straße Auf der Höhe 34.
Das Haus der guten Getränke - unter diesem Namen war der Familienbetrieb in Harburg und Wilhelmsburg bekannt - expandierte. Erst mit dem Pferdewagen und später mit dem eigenen Lastwagen belieferte Nicolaus von Drateln ("der Vierte") fast alle Gastwirte der Umgebung. Zwei weitere Verkaufsstellen in der Veringstraße und der Trettaustraße folgten. Neben dem "Deichbruch" stellte von Drateln auch die Marken "Nord-West-Korn", den Weinbrand "Hausmarke" und in Anlehnung an den Familiennamen das "Dratiner Gold" her.
Der Kräuterlikör blieb jedoch bis zum Verkauf des Unternehmens an die Altonaer Firma F. Reimers der Verkaufsschlager. "Besonders nach der Flutkatastrophe 1962 ist der ,Wilhelmsburger Deichbruch' hier richtig abgegangen", erzählt Jutta Hennenberger. "Wir hatten damals Kunden in Spanien, Italien und sogar in Amerika." Gerne erinnert sich Enkelin des Firmengründers an ihre Kindertage zurück: "Für uns war es immer das Schönste in der Weihnachtszeit, wenn es eine besonders große Nachfrage nach dem Deichbruch gab, im Keller beim Etikettieren und Abfüllen zu helfen. Unser Vater achtete stets darauf, dass alle Etiketten exakt auf die gleiche Höhe kamen."
Nach dem Tod des Vaters 1961 führte seine Frau die Geschäfte bis zum endgültigen Verkauf der Firma 1974 weiter. Danach brachen für die Fans des "Wilhelmsburger Deichbruchs" harte Zeiten an. "Wir hatten das geheime Originalrezept mit an die Firma Reimers verkauft, nun mussten immer mindestens 200 Flaschen bestellt werden", so Hennenberger. Es war mühsam, den Kräuterlikör überhaupt noch zu bekommen, lediglich ein ehemaliger Angestellter hatte die entsprechenden Verbindungen. "Es gab aber immer Leute, die den Schnaps bestellt haben."
Pünktlich zum 100. Geburtstag des Halbbitter-Likörs entdecken aber auch immer mehr Einzelhändler und Gastwirte das Kultgetränk aus Wilhelmsburg. Der Halbbitter-Likör wird wieder auf der Elbinsel verkauft - unter anderem gibt es ihn im Wilhelmsburger Museum, Kirchdorfer Straße 163 - und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Die Verkaufszahlen liegen mittlerweile bei cirka 2000 Flaschen im Jahr.
- Bezugsquellen für den "Wilhelmsburger Deich-bruch": "arko" im Wilhelmsburger Einkaufszentrum, Wilhelm-Strauß-Weg 8 - 10, Telefon: 0 40/754 61 71; Confiserie am Pudding, Veringstraße 30, Telefon: 0 40/75 88 49; Getränke Oase, Bei der Windmühle 19, Telefon: 0 40/754 25 25; Peter Falke, Wülfkenweg 40, Telefon: 0 40/754 37 32.
